Kristian Köhntopp erklärt den Generationenkonflikt
Alte Männer mit Kugelschreibern vs. Netzwesen
In seinem Blog beginnt Kristian Köhntopp seinen Artikel mit der Überschrift “Falscher Planet, falsches Jahrtausend”. Er nimmt Bezug auf das Interview der Fernsehsendung “Unter Linden” mit dem CDU-Politiker Prof. Rupert Scholz und dem Piratenpartei-Politiker Dirk Hillbrecht. Er schreibt “Das, was Herr Scholz da erzählt und argumentiert hat, kam mir sehr altmodisch und weltfremd vor. Hat der die letzten 20 Jahre keinen Strom und kein Netz gehabt? Und dann ging mir auf, dass genau das der Fall war.”
Kristian Köhntopp ist seit über 20 Jahren online und hat damit Sinnbildhaft die Geburt des Internet nicht nur miterlebt, sondern ist auch Teil dieser Entwicklung: “Google datiert mein ältestes auffindbares Posting im Netz auf 1989 - ich bin also seit mindestens 20 Jahren online. Ich werde Ende diesen Jahres seit 17 Jahren Linux eingesetzt haben. Die Logs und Statistiken meiner eigenen Domain gehen 12 Jahre zurück.
Ich lebe online. Alle Texte, die ich seit 1983 geschrieben habe, sind auf dem Computer geschrieben worden. Sie liegen auf einem halben Dutzend Rechnern im Netz verstreut. (…) Seit 20 Jahren lese ich laufend meine Mail, ich bin jeden Tag in fünf verschiedenen IM-Systemen zu erreichen. (…) Ich reiste beruflich fast drei Jahre durch Europa und die USA, aber ich war immer zu Hause (…) Ich habe nicht mehr oder weniger Kontakt mit meinen Freunden gehabt bloß weil ich mal ein paar Wochen auf einem anderen Kontinent war.
Das ist die Welt, in der ich existiere und das sind die Dinge, mit denen ich jeden Tag umgehe. Sie sind für mich real. Sie definieren und sie finanzieren meine Existenz in dieser Welt.”
Über den Generationenkonflikt schreibt er kurz: “Wir nennen sie Alte Männer mit Kugelschreibern oder Internetausdrucker. Wir wissen nicht, wie wir mit ihnen reden sollen und wie wir ihnen unsere Welt erklären sollen, und wir hoffen, dass es eine biologische Lösung für dieses Problem gibt.”
Das Interview auf Unter Linden zeugt deutlich den Kommunikationsunterschied. Auf der einen Seite sitzt Herr Scholz, dem man eindeutig seine Erfahrungen mit der Kamera ansehen kann, auf der anderen Seite sitzt Herr Hillbrecht. Folgt man dem Gespräch, so bemerkt man eine Kommunikations Asymmetrie. Der CDU-Politiker setzt die klassische Rhetorik ein und trifft die Argumente im Wesentlichen auf den Punkt. Herr Hillbrecht kann ihm in den meisten Punkten beipflichten. Im Wesentlichen sind sich also beide einig: Das “WAS” ist beiden Parteien gemein. Das “WIE” aber scheint in Diskussion zu stehen. Kristian Köhntopp erklärt in seinem Blog sehr anschaulich, was das “WIE” eigentlich ist und belegt, dass seitens der CDU einige Informationslücken bestehen. Nur wer mit der IT aufgewachsen ist, kann die Problematik verstehen:
Computer sind Kopiermaschinen. Das ist deren prinzipielles Wesen
Kristian Köhntopp erklärt: “Unsere Computer sind Kopiermaschinen. Um ein Programm auszuführen muß es von einem Medium in den Speicher, vom Speicher in den Prozessor kopiert werden, ebenso alle Daten. Ergebnisse werden zurück kopiert. Der Befehlssatz eines jeden Rechners hat circa zehn Mal mehr Kopier- als Rechenbefehle.
Unsere Netze sind Kopiermaschinen. Wir sagen wir ’senden eine Nachricht’, aber das Wort ist falsch. ‘Senden’ impliziert, daß die Nachricht sich bewegt und für den “Ab”-Sender nicht mehr da ist. Das ist in der realen Welt so, aber nicht im Netz: Wir kopieren eine Nachricht an die Empfänger.
Das Wesen aller IT ist die Kopie.” Diese Beobachtung spaltet das Denken zweier Generationen. Diese Menschen hören kein Radio, schauen immer weniger Fernsehen - falls überhaupt. Für diese jungen Menschen haben die GEMA, die GEZ und andere Verwertungskonzepte keine Existenz mehr. Ja - keine Existenz. Diese Menschen nutzen diese Dienste nicht, noch benötigen sie diese. Daher herrscht hier auch Kritik an der Internetgebühr der GEZ. Im Grunde wird nur die “Empfangsfähigkeit besteuert”. Die “Technikaffine Generation” aber hat sich selbst eine Infrastruktur geschaffen und bestückt sich gegenseitig mit Informationen und Entertainment. Statt Comedy-Sendungen gibt es LOL-Blogs. Statt Nachrichten gibt es Blogs und Twitter. Das Poesiealbung in der Schule wich Facebook. Der Notizzettel musste einer Wiki weichen. Der absolute Vorteil der neuen Technik ist: Man hat die Daten immer und überall dabei - solange man Zugang zu einem Internetanschluss hat.
Hört man hingegen, nach Jahren dieser Denkart, etablierten Politiker, so erschleicht einen das Gefühl, diese kämen von einem anderen Planeten. Radiowerbung nervt. Kreischende Stimmen krächzen einem entgegen, mit Informationen und einer Art- und Weise, die man überhaupt nicht versteht. Macht man nach einem Jahr Abstinenz mal wieder den Fernseher an, so fühlt man sich regelrecht verprügelt, nachdem man den ersten Werbespot gesehen hat. Das TV-Programm schleicht vor sich hin und wirkt “dreckig und ungestaltet”.
Den Politikern, der GEMA und der GEZ fehlen das Gefühl für Computer und die IT, sonst würden sie nicht so handeln, wie sie es tun!
Musikindustrie ruinierte Existenzen
Ganz klassisch - zum Schutze der Musiker - handelt die GEMA, wie sie handelt. Und man kann das Handeln auch nachvollziehen. Denn die GEMA “garantiert” dem Musiker etwas, sie erfüllt ihren Vertrag dem Musiker gegenüber. Aus dieser Sichtweise, ist alles in Ordnung.
Setzt man sich aber einmal auf die Seite des Computerverwenders, dann wird alles anders. Es ist unmöglich das Recht, das Copyright einer Datei zu ersehen. Man muss diese Datei öffnen, mit einen Virenscanner überprüfen oder schlichtweg abspielen um die Informationen zu bewerten.
Am Anfang steht der Download, oder das Kopieren auf die Festplatte.
Oder kurz: Um den Inhalt einer Datei bewerten zu können, muss man erst über diese Datei auf dem lokalen Computer verfügen. Den Download per se zu kriminalisieren macht eben deshalb keinen Sinn, da zur Bewertung eines Inhaltes erst mal über eine Datei verfügt werden muss. Dies ist vergleichbar mit dem Einkaufen im Supermarkt: Man nimmt die Ware in den Korb und fährt damit durch den Laden. Solange man die Kasse nicht passiert, ist alles legal. Erst wenn man Ware (ohne Bezahlung) an der Kasse vorbei bringt, beginnt die Straftat. Es ist aber nicht selten, dass ehrliche Kunden ausversehen etwas vergessen haben. Sie bemerken es und sagen an der Kasse Bescheid. Und es ist in der Regel kein Problem - im Gegenteil, man erhält dann noch Dankbarkeit. Bei Software ist dies ähnlich. Man lädt Programme aus dem Internet und muss diese erst mal installieren. In der Regel startet dann eine Testversion. Nach Ablauf der Testzeit, wird das Programm ungültig und man hat die Wahl es zu kaufen, oder zu löschen.
Das Bezahlen erfolgt also nach Hineinlegen in den Warenkorb. Dies ist in diesem Falle die Festplatte. Bei Kauf von Waren über das Internet wird den Verbrauchern ein 14-Tägiges Rücktauschrecht eingeräumt. Nur geöffnete Verpackungen können nicht mehr getauscht werden und sind zu bezahlen. Dieses Prinzip muss auch auf Computerdateien angewandt werden. Es müsste also ein 14-Tägiges Löschrecht eingeräumt werden. Nur der Datenbestand auf einer Festplatte ist relevant, nicht der Datenstrom zum Rechner hin. Nicht das Herunterladen, sondern das Öffnen einer Datei, oder speziell, die Art der Verwendung muss monetarisiert werden. Sollte nun jemand fragen, warum das niemand macht, gibt es eine simple Antwort: Es wird bereits gemacht. Die sogenannte GPL (general public licence) oder die CC-Lizenz (Creative-Commons licence) regelt die Rechteverwertung derart. Die Art der Verwendung wird in diesen Lizenzen geregelt, nicht aber die Distribution oder die Beschaffung der Daten. Aus Computersicht ist das die einzig vernünftige Art zu lizensieren.
Die GPL und CC-Lizenzen erfüllen das Prinzip, das das 14-Tägige Rücktauschrecht bei Versandbestellungen erfüllt; Die Ware muss erst geprüft werden dürfen, bevor man eine endgültige Kaufentscheidung trifft. Entscheidet ein Kunde die Ware nicht zu verwenden, so gilt für reale Güter “zurückschicken”, für Computerdaten “löschen”.
Nun beginnen aber schon mit einer normalen käuflich erworbenen CD die Probleme. Ist auf der CD ein Programm, oder ein Spiel, so wird es auf die Festplatte installiert. Dies entspricht einem Kopiervorgang der Daten der CD auf die Festplatte. Die legal erworbene Software kann nur durch einen Kopiervorgang genutzt werden. Eben so verhält es sich mit legal erworbenen CDs. Will man diese auf einem iPod abspielen, oder im eigenen Audioplayer, so führt kein Weg daran vorbei aus den CD-Daten Dateien zu generieren, die dann auf die Festplatte kopiert werden. Das Öffnen der Verpackung der CD ist aber zwingend notwendig um die Daten zu kopieren, bzw. abzuspielen. Da die CD ein reales Gut ist, verbietet das Öffnen der CD eine Rücksendung bei Nichtgefallen.
Die Kombination aus realem Gut (CD) und Computerdaten (kann nur mit kopierten Daten arbeiten (z.B. im Arbeitsspeicher oder auf der Festplatte)) kann aufgrund der verschiedenen Prinzipien nicht funktionieren. Der Markt führt daraus folgend an der Schnittstelle “reale Güter”/”Daten” zu einem Anachronismus.
Aus technischer Sicht ist der Kopiervorgang zwingend notwendig. Schlimm wird es, wenn man Dateien aus dem Internet lädt. Grundsätzlich ist die Legalität bis zur Ankunft der Datei nicht klar. Es gibt freie Musik, es gibt unfreie Musik. Bietet jemand urheberrechtlich geschützte Musik als “frei” an, so ist dies zwar eine Straftat, aber für den Nutzer nicht unbedingt zu erkennen. Gerade junge Menschen können legal von Illegal kaum unterscheiden. Für sie ist es ein Vorgang, der sich immer wieder wiederholt. Anklicken, runderladen, hören.
Die Allgemeinbildung erst erzeugt das Rechtsbewustsein.
Durch das Wesen des Computers aber kann das Wesen des Copyrights nicht vermittelt werden. Im Gegenteil. Rechteinhaber setzen DRM-Systeme (Digital Rights Management) ein um die Verbreitung legal erworbener Musik zu unterbinden. Aufgrund dieser Hürden, wurden aber die Verbreitung und Kaufzurückhaltung erst forciert. Die Begründung ist simpel: Ein Beispiel: Die Musikstücke im Apple iTunes-Store kann man einzeln zu einem recht annehmbaren Preis erwerben. Die Musik ist Computergebunden. Man muss die erworbenen Lieder für den einzelnen Computer freischalten, ansonsten werden diese nicht abgespielt. Sogar damit könnte man noch leben. Problematisch wird der Einsatz der Daten in anderen Systemen. Setzt ein DJ z.B. das Programm TraktorDJStudio von Native Instruments ein, so sind die DRM geschützten Werke von iTunes unbrauchbar, da die Drittsoftware die geschützten Stücke nicht abspielen kann.
Ein Mensch, der auf diese Art und Weise aufwächst empfindet legal erworbene Musik als Hindernis, als Behinderung. “Nicht nur dass man dafür bezahlen muss, man kann es ja nicht einmal verwenden!” So driften Kunden über Kunden von den klassischen Distributionswegen ab und besorgen sich die Daten anderswo, da “anderswo” die Qualität stimmt. Eigentlich sollte die Einschränkung der Nutzung eines Produktes unter Strafe stehen. Absurder wird es noch bei CD’s. Einige Anbieter verkaufen CDs mit Booklets, auf denen die gerade eben erworbenen Lieder via Jamba fürs Handy angeboten werden. Der Kunde möge doch für dieselbe Musik doppelt zahlen! Und wo sind eigentlich die nützlichen Informationen?
Ein junger Mensch, der Audio-CDs kauft, hat das Gefühl für eine schlechte Qualität mit geringem Service zu bezahlen. Darüber hinaus empfindet er den Silberling und die CD-Hülle als Umweltverschmutzung.
An dieser Stelle hat sich das Internet in Sachen Service, Information und Qualität deutlich gegenüber dem klassischen Vertriebsweg durchgesetzt. Es sind nicht die Menschen, sondern die Qualität verschiedener Produkte, die hier in Konkurrenz stehen!
Und wenn man aus diesem Denken heraus zu hören bekommt: “Mutter wurde zu Millionenstrafe verklagt, weil der Sohn Dateien runtergeladen hat” muss man nachdenklich werden. Denn für eine solche Familie ist der Lebensrest nachhaltig zerstört. Darf ein Rechteverwerter so was machen? Nur wegen “etwas” Musik ganze Existenzen vernichten? Gulli berichtete über Monika Bestles Kritik bezüglich der GEMA (hier), in der der GEMA vorgeworfen wird, dass sie kleine “Veranstalter ’systematisch ruiniert’”. Darf ein Industriezweig so was machen? Das ist eine moralische Frage. Und darüber sollte man sich auch Gedanken machen.
Ich danke vor allem Kristian Köhntopp für seinen Blog (hier) und die hilfreichen Formulierungen.
Der Generationenvertrag stellt das “WIE” in Frage, nicht aber das “WAS”. Wir möchten den Generationenvertrag einhalten, wir möchten unseren Verpflichtungen nachkommen - aber auf unsere Art. Aber ihr müsst uns schon lassen, sonst werdet ihr selbst scheitern.
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