Tage wie dieser
Es ist 7:00h morgens. In den Gesichtern sieht man Schlaftrunkenheit, Stress und Hast. Die Stadt ist voll mit Leuten, die teilnahmslos auf den Rücken ihres Vordermannes starren. Die Gedanken sind noch im Bett, etwaigen Familienproblemen, Hobbys oder der Freundin oder dem Freund. Wie eine lange Perlenkette reiht sich diese Menschenmasse in den Strom ein, den man Berufsverkehr nennt. Gefährlich ist es, die Fußgängerampel zu queren, der Rechtsabbieger gibt extra Gas um noch vor mir die Kurve zu kriegen. In seinem Blick: Purer Hass. Er wird wohl wieder zu spät sein. Wer weiss wie sein Chef ist. Eine graue breiartige Masse von Zombis wälzt sich durch die Stadt und hinterlässt das kalte Gefühl einer einst aufstrebenden Arbeitskultur.
Am Straßenrand kleben Flyer im Straßendreck: “Die Reform der Reform. Gegen Studiengebühren und Verbesserung der Studienbedingungen, Das Stiefkind der Forschung ist die Lehre.” Auf einmal ist es ruhig, alle Menschen sind verschwunden. Der erste Teil des Tages ist vorbei. Nun haben die “Erstlinge” ihre Destination erreicht und werden zum Teil der Maschine. Auf der Parkbank liegt eine Zeitung. Beiläufig lese ich darin herum und finde folgende Zeilen: “UNI-MENSA: Die Qualität der Lebensmittel beruht auf den jeweiligen Ausschreibungen. Da die Mensa ein öffentliches Dienstleistungsunternehmen ist, werden die Lebensmittel zentral eingekauft. Das günstigste Angebot, das auf eine bestimmte Ausschreibung passt, bekommt den Zuschlag. Zwar wird sich laut Gastronomieleitung um saisonales Gemüse bemüht und auf die regionale Nähe der Lieferanten geachtet, doch der Wettbewerb behält die Oberhand.” Mich überkommt ein Brechreiz. ‘Mens sana in corpore sano’, heisst es auf Lateinisch. Ein Gesunder Geist in einem gesunden Körper. Unsere “Elite” soll also mit Billigfraß intelligent und wirtschaftsgerecht hochgezüchtet werden? Ausschreibungen, günstigstes Angebot und Wettbewerb. Das sind die Un-Begriffe der letzten drei Jahrzehnte.
Nein! Nein! Nein! Ich will morgens all diese Zombis nicht mehr sehen, ich will morgens selbst keiner dieser Zombis sein, ich will keinen Ekel vor dem Fraß, den sie einem in Kantinen hinwerfen als wäre man ein räudiger Köter. Ich will nie wieder von meinem Boss angeblökt werden, nur weil die Ampel zu lange Rot war. Ich bin es Leid mir anhören zu müssen: “Aber der Kunde will es so haben.” Welcher Mitarbeiter hat den Kunden eigentlich je zu Gesicht bekommen? In einer kleinen Firma geht das. Aber da kann man auch um 10:00h zur Arbeit kommen. Da kennt man den Chef noch per Du. Und es ist kein Problem mal bis 23:00h zu arbeiten um am nächsten Tag um 12:00h zu erscheinen.
“Bitte schicken Sie Ihre aussagekräftigen Bewerbungsunterlagen an, bitte geben Sie Ihre Persönlichkeit beim Pförtner ab, Stellen Sie Ihr Ego ab und werden Sie ein Teil der Maschine.” Das ist Vollbeschäftigung, Made in Germany.
Ladies and Gentleman, die große Show beginnt: Höher, schneller, weiter, … - Peng! Der Tanker Weltwirtschaft steuert mit unglaublicher Geschwindigkeit auf eine Klippe zu. Wir haben die Klippe bereits gesehen. Bereits vor Jahren. In den 90ern muss es gewesen sein. Wir fingen an einen High-Tech Schnellzug auf dem Ufer neben dem Dampfer zu errichten. Sie sahen uns dabei zu. Merkten, wie wir sie überholten. Statt dass sie aber den Tanker verließen, sabotierten sie von Bord aus unsere Gleise, waren damit beschäftigt noch mehr Fahrt aufzunehmen - auf dem Wasser. Wurden immer größer, und immer schwerer. Und nun, nach 30 Jahren Hochrüsten haben sie den Wasserfall, der im Sturzflug hinab führt, endlich gesehen. Und was jetzt? Panik? Ja, sie zappeln wie kleine Kinder, die um Aufmerksamkeit quängeln. Sie wollen jetzt alles verbieten, alles zensieren, alles lizensieren und uns mit Anwälten und Klägern jagen und kleinkriegen - alles von ihrem Schiff aus.
Aber macht doch mal die Augen auf! Wir haben das Gleis am Ufer doch nur gebaut, damit wir euch mitnehmen können, damit Ihr eben nicht von der Klippe stürzt. Wir sind euch wohl gesonnen und wir ehren eure Leistungen. Wir akzeptieren aber nicht den Untergang. Doch was ihr übersehen habt ist, das wir nicht nur am Ufer gebaut haben. Unsere Gleise verzweigen sich bis tief ins Land. Es ist ein Netzwerk, das seinesgleichen sucht. Mit modernster Technik, einer neuen Arbeitsmentalität, in Freiheit und Selbstverwirklichung. Glaubt ihr denn etwa wirklich wir seinen Saboteure, oder Bösartig? Das Gegenteil ist der Fall. Wir haben es gesehen. Jahre bevor Ihr es gesehen habt. Wir bauten die Gleise, die Strecke, überholten euch, zu niedrigen Preisen, mit höherer Dynamik, mit schnellerer Verteilung. Wir haben euch in der Globalisierung die Stirn geboten. Und wir sind viele. Sehr viele. Und werden täglich mehr. Denn die ersten sind bereits umgestiegen in unseren Zug. Eine feine Reise in einem schönen Fahrzeug.
Wir alle bauten ein Pyramideartiges Gerüst. Ihr habt einen großen Teil dazu beigetragen. Dafür sagen wir euch Dank! Aber in der Mitte der Pyramide bauten wir einen Fahrstuhl, der an die Spitze reicht. Und nun hat jeder Mensch die Wahl in den Fahrstuhl zu steigen und an die Spitze zu fahren. Da es aber ein Fahrstuhl ist, kann man jederzeit wieder zurück. Das ist die Freiheit, die Freiheit der neuen Jahre, die Freiheit zum Glück.
Wir wollen nicht zur Arbeit, weil man es muss. Wir wollen Arbeiten - für uns, für unsere Projekte, für eine bessere Welt.
P.S.: Was würdest du tun, wenn du als erster einen Kometen auf die Erde rasen siehst, und keiner glaubt dir?
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Juli 14th, 2009 at 09:36
Zu was wuerdest Du tun, wenn Du einen Kometen auf die Erde zurasen siehst und keiner glaubt Dir?
Lest mal: http://www.reinersailer.de/Universum.pdf
Ich nutze jede Moeglichkeit es publik zu machen in der Hoffnung, es ist nicht zu spaet.