Gaia überwacht unsere Wirtschaft
Der “Kapitalismus” wirkt wie eine Weltanschauung. Die Wirtschaft als Prozess des Tauschens und Handelns wich einer Weltanschauung. Immer mehr - so kann man vermuten - soll unser Denken beeinflusst werden. Werbung wird von Psychologen begleitet. Immer punktgenauer wird das Konsumdiktat in unsere Köpfe gelegt. In Befragungen auf der Straße experimentieren Marktforscher mit den Passanten um noch präzisere Werbung zu schalten.
Der Kapitalismus hat sein Gesicht verändert. Als 1989 der Zusammenbruch des sozialistischen Lagers allgemein wie ein Triumph gefeiert wurde, entließ man die Marktwirtschaft mit einem Siegeszug in die Freiheit. Der Soziologe Niklas Luhmann wollte damals von keinem Sieg sprechen: Er meinte, man könne allenfalls und höchstens die Formulierung wagen, dass der Sozialismus früher als der Kapitalismus zusammengebrochen sei.
Der Kapitalismus, der dem Westen Jahrzehnte märchenhaften Wohlstandes beschert hat, wird heute mehr und mehr als Bedrohung wahrgenommen. Ausgerechnet Unternehmer sehen sich teils selbst als Opfer des Systems. Sie beteuern glaubwürdig, dass sie dem System des freien Marktes ausgeliefert und in ihren Entscheidungen ohne Spielraum seien. Sie wollen keine Massenentlassungen vornehmen, aber die Kapitalrendite fordere es; sie wollen keine Arbeitsplätze ins Ausland verlagern, aber die Konkurrenz erzwinge es.
Es scheint als müsse das System vor seiner eigenen Logik kapitulieren. Die Globalisierung führte zu der absurden Situation, dass die Marktwirtschaft scheinbar überstaatlich geworden ist. So wandern Unternehmen in Staaten aus, in denen andere Wirtschaftsbedingungen herrschen. Da Vollbeschäftigung und Wachstum als Voraussetzungen für einen gewissen Wohlstand erscheinen, passen die Staatsoberhäupter Gesetze und Richtlinien an - nicht selten zu Ungunsten der Konsumenten.
Globalisierung scheint zu einer überstaatlichen Wirtschaft geführt zu haben.
Die billigsten Produzenten eines reichen Landes konkurrieren mit den noch billigeren Produzenten der armen Länder.
Nehmen wir einmal an, der Kapitalismus sei wirklich ein System, das alles, was es den Menschen bringt, unausweichlich bringt – dann sähe es um seine Zukunftschancen schlecht aus.
Nehmen wir aber umgekehrt an, der Kapitalismus sei gar kein System und seine Zumutungen alles andere als zwangsläufig – was dann? Dann wäre die Rede von Systemzwängen bloße Ideologie. Diese “Ideologie” wird von den Verfechtern des freien Marktes und durch das Kapital selbst vorgetragen.
Gelten Marktgesetze wie Naturgesetze?
Man mag vermuten, die Regeln des Marktes seinen den Naturgesetzen, wie der Schwerkraft, ähnlich. Es sind aber in Wahrheit Regeln, die sich die Gesellschaft selbst gegeben hat. Regeln aber, die sich eine Gesellschaft gegeben hat, kann sie sich selbst wieder nehmen. Betrachtet man die Milliarden, die in Insolvente Banken gepumpt werden, so bekommt man das Gefühl, diese Maßnahmen seinen unausweichlich. Sich diesen Prozessen zu entziehen erscheint vielerorts unmöglich, da man die Marktregeln gerne mit Naturgesetzen vergleicht - unumgänglich.
Nimmt man Aussagen Hannah Arendts hinzu, so kommt man auf eine eigenartige Interpretation: Ihre klassischen Definition einer “totalitären Bewegung” lautet: ‘Eine Bewegung, die auf der Behauptung ewiger Gesetze aufbaut, nach denen sich die Zukunft vorhersagen lässt, ist das wesentliche Kennzeichen einer totalitären Bewegung’. Doch darf man in diesem Zusammenhang den Begriff “totalitär” verwenden? Gemäß Hannah Arendt muß man von “totalitär” sprechen, wenn wir es wirklich mit unumgänglichen Gesetzen zu tun haben. Es gibt aber nachvollziehbar viele Beispiele, die einer Unumgänglichkeit widersprechen. Und das sind eben gerade unsere Naturgesetze:
Innertialsysteme, Geschlossene Systeme und ihre Unumgänglichkeit
Nicht nur in der Schule lernt man, dass innerhalb geschlossener Systeme ein Gleichgewicht herrscht. Ein schönes Beispiel ist ein Segelschiff und ein Ventilator. Steht der Ventilator am Ufer, so kann es das Schiff antreiben. Der Wind bläst in die Segel und das Schiff bewegt sich vorwärts. Solange, bis der Wind das Segel nicht mehr erreichen kann. Steht der Ventilator aber auf dem Schiff, so geschieht nichts. Der Wind bläst in das Segel und will das Schiff vorwärts bewegen. Die angesaugte Luft aber erzeugt einen Unterdruck und wirkt dem erzeugten Wind entgegen. Die Summer aller Kräfte ist Null. Es geschieht nichts. Innerhalb eines geschlossenen Systemes also bringt der Aufwand nichts. Die Energie wird in ein Gleichgewicht der erzeugten Kräfte umgesetzt. Lediglich die erzeugte Wärme geht in die Umgebung ab. Wir sprechen hier von Verschwendung. Überträgt man dieses Beispiel auf die Martwirtschaft, sieht man eine analogie. In den Anfängen unseres wirtschaftlichen Handelns standen Städte in der Mitte der Betrachtungen. Schnell waren die Märkte innerhalb der Stadt übersättigt. Der Ventilator stand auf einmal nicht mehr am Ufer, sondern auf dem Schiff selbst. Nun versuchte man mit anderen Städten und Dörfern Handel zu betreiben. Nun stand der Ventilator in der Stadt, und gab Antrieb nach außen.
Dann wurden Binnenmärkte befriedigt. Das System war wieder in sich geschlossen. Man fing an zu exportieren. Man schuf sich einen weiteren Ventilator am Ufer. Nun betreibt man Marktwirtschaft global. Und immer mehr wird der globale Wirtschaftsraum zu einem geschlossenen System. Man forciert Massenkonsum. Doch die Nachfrage nimmt ab. Die Menschen haben ja fast schon alles. Jetzt werden die ärmsten Länder zu Produzenten und Konsumenten. Und immer mehr und mehr wird der gesamte Planet zu einem geschlossenen Wirtschaftssystem - mit allen Konsequenzen. Und Gaia schlägt zu: Das Klima verändert sich. Ressourcen werden langsam knapp. Alleine durch diese naturgegebenen Einschränkungen kann die Marktwirtschaft nicht unumgänglich sein, ist somit also auch nicht “totalitär”.
Nun stellt sich die Frage, warum der Kapitalismus, der in seiner bisherigen Geschichte nahezu ohne Einschüchterung und ideologische Heilsversprechungen auskam, auf seiner letzten Wegstrecke die Zuflucht zu groben Propagandalügen und utopischen Programmen suchen musste. Hat er also nun die Maske abgeworfen? Mit dem Zusammenbruch der Neuen Märkte 2000 und dem Angriff des islamischen Fundamentalismus auf das World Trade Center, also in dem Moment, in dem offenbar wurde, dass der Kapitalismus auch untergehen könnte, jedenfalls Feinde hat, innere wie äußere, denen mit gutem Zureden nicht beizukommen ist. Es wäre nicht das erste “imperiale System” in der Geschichte, das im Moment seiner Bedrohung bös’ und zu einer Gefahr für die zivilisierte Menschheit wurde.
Die wahre Bedrohung geht aber von der Mutter aller Mütter aus: Gaia. Denn unser Planet hat möglicherweise irgendwann genug von uns. Das uns beschützende und versorgende “drumherum”, unsere Umwelt, ist das Maß der Dinge. Und dem Diktat der Natur haben wir zwingend folge zu leisten. Denn unsere Kontinente sind letztlich nur Schiffe, die uns beherbergen. Und wenn wir unsere Schiffe zerrstören, werden wir sprichwörtlich untergehen.
Ervin Laszlo schreibt in seinem Buch “Das dritte Jahrtausend”: “Funde aus prähistorischer Zeit lassen darauf schließen, daß der Sauerstoffgehalt der unberührten Natur ungefähr 38 Prozent des Atmosphärenvolumens betrug. Dann sank der Sauerstoffgehalt der Atmosphäre auf ca. 30 Prozent, was hauptsächlich auf die Nutzung des brennstoffes Kohle (…) zurückgeführt wird. (…) Heute liegt er weltweit zwischen 19 und 21 prozent und in Großstädten bei 12 bis 17 Prozent. (…) Es ist bekannt, dass menschliches Leben bei einem Sauerstoffgehalt von sechs bis sieben Prozent nicht mehr möglich ist. (…) Ein altes chinesisches Sprichwort warnt: Wenn wir nicht die Richtung ändern, werden wir wahrscheinlich genau dort ankommen, worauf wir zusteuerten (…) Einer der entscheidenden Unterschiede zwischen modernen und traditionellen Gesellschaften ist das Verhältnis zur Natur.”
Mit den Worten von Ervin Laszlo möchte ich diesen Beitrag abschließen. Unsere Wirtschaft hat uns unbeschreiblichen Reichtum und Wohlstand beschert. Und noch immer ist diese Wirtschaft dazu in der Lage. Wollen wir in Zukunft von unseren Taten profitieren, haben wir keine andere Wahl, als die Natur in unsere wirtschaftlichen Aktivitäten mit einzubeziehen. Da in der Wirtschaft gerne in Zahlen gerechnet wird, solllten die Staaten den “Verbrauch” der Natur als Kosten auffassen. Idealisiert betrachtet würde das sogar dazu führen, dass gewisse Wirtschaftszweige dann Profit erwirtschaften, wenn sie ihr operatives Geschäfft einstellen.
Wohlstand ist philosophisch betrachtet unser Geburtsrecht - doch zu welchem Preis? Bewegt sich der Kapitalismus tatsächlich auf ein geschlossenes System zu? Der Planet ist endlich, daher trifft dies zu; also haben wir keine andere Wahl, als eine Dynamik innerhalb des Systemes zu schaffen - Recycling zum Beipsiel. Hier gilt aber: Unsere Bemühungen dürfen nicht mehr der Schaffung neuer Produkte gelten, sondern einer Dynamik zwischen Mensch, Natur und Wirtschaft. Zu erkennen, dass unser Wirtschaftssystem mehr und mehr zu einem geschlossenen System wird, eröffnet uns Möglichkeiten das Wirtschaftssystem geschickt zu erweitern um einen “anderen” Wohlstand für Gaia und uns alle zu erschaffen.
Anzeige:
Recent Entries
- Journey to the End of the Night
- Selbstgemacht: Biogemüse - aus dem Wohnzimmer
- Wahlkampf: Bedingungsloses Grundeinkommen jetzt wählbar
- E-Mail: Happy Birthday E-Mail
- Computerspiele: Das Hirnareal, das für Motivation zuständig ist, wird deutlich größer
- Arbeitswelt: Der Lebensstil der “Digital Natives” wird sich durchsetzen.
- Gaia überwacht unsere Wirtschaft
- Mach es doch selbst!
- Gema vs. iPod
- “Neokapitalmunismus”