Jetzt mal ehrlich
Wir machen nun eine Zeitreise. Wir gehen 1, 2, 5, 10, 20 Jahre in die Vergangenheit, schreiben eine Bewerbung an deinen Lieblingsbetrieb, stümpern ein wenig rum, dass wir nicht genommen werden und warten auf die Antwort. In der Antwort steht: “Sehr geehrte/r Frau/Herr [INSERT NAME HERE!], wir können sie derzeitig nicht einstellen, da Sie nicht die benötigten Veraussetzungen erfüllen, um die Stelle in unserem Hause als [INSERT PROFESSION HERE!] gemäß unseren Erwartungen durchführen zu können.”
Hurra, wir sind nicht genommen worden, weil wir uns in der Bewerbung dumm angestellt, die anzeige nicht richtig gelesen haben, oder tatsächlich einfach nicht geeignet sind um die stelle anzutreten.
Wir reisen wieder in die Gegenwart zurück. Hier schreiben wir noch eine Bewerbung. Diesmal jedoch für etwas wesentlich weniger anspruchsvolles, als [INSERT PROFESSION HERE!], sondern einfach nur für ein Praktikum über 2 Wochen bis hin zu 3 Monaten. Also ein Arbeitsverhältnis, das für den Betrieb weder Kosten noch Bindungen bedeutet. Wir bemühen uns diesmal auch richtig bei der Bewerbung. Wir lesen die Homepage des Betriebs aufmerksam durch, und sehen uns eventuelle Jobausschreibungen an, um zu sehen, wie der Betrieb auf potenzielle Mitarbeiter zugeht. Wir sehen uns die Produkte an, die der Betrieb herstellt. Wir hören uns bei Freunden um, ob sie etwas von dem Betrieb wissen, und wenn ja, was.Kurz: wir informieren uns umfassend über den Betrieb. Die Bewerbung die wir nun schreiben, entspricht allen aktuellen DIN-Normen, die auf Schriftstücke zutreffen. Sie ist perfekt auf den Betrieb zugeschnitten. Sie sagt genau das aus, was wir können und in einem kleinen Nebensatz schmeicheln wir dem Betrieb auch noch ein kleines bisschen.
Nun üben wir uns in Gedult und sehen regelmäßig in unseren Briefkasten. Dann kommt in etwa 2 Wochen die Antwort auf unsere Bewerbung. Und in dieser Antwort steht: “Sehr geehrte/r Frau/Herr, leider müssen wir Ihnen mitteilen, dass die ausgeschriebene Stelle bereits besetzt ist.”
WTF??? Praktikumsstellen sind in der Regel nicht ausgeschrieben, also war unsere Bewerbung eine so genannte “Initiativ Bewerbung”. Also eine Bewerbung, die wir geschrieben haben, ohne von dem Betrieb eine Ausschreibung vorliegen zu haben. Dazu war unsere Bewerbung perfekt, der Zeitpunkt günstig und der gewählte Betrieb nicht übertrieben Anspruchsvoll.
Wieso also bekommen wir eine Antwort die derartig kurz ist und so weit am Kontext unserer Bewerbung vorbei geht? Die Antwort lautet “Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz”, kurz AGG, oder umgangssprachlich “Antidiskriminierungsgesetz”. Dieses Gesetz besagt, dass in der Bundesrepublik Deutschland niemand aus Gründen des Alters, einer Behinderung, des ethnischen Herkunft, des Geschlechts, der Rasse, der Religion, der Weltanschauung oder der sexuellen Identität ungerechtfertigt benachteiligt werden darf.
Das klingt ja erstmal prima. Mein Chef darf mich also nicht kündigen, weil ich glaube, dass die Welt eine Scheibe ist, weil ich dem Islam angehöre und meine Erfüllung in gleichgeschlechtlicher Liebe finde. Und wenn ich mich jetzt irgendwo bewerbe und mein zukünftiger Chef diese Sachen raus bekommt, dann darf er das auch nicht als Grund angeben meine Bewerbung abzulehnen.
Wenn man sich nun tiefer mit dieser Materie beschäftigt, dann fallen einem schnell eigenartige auswüchse dieses Gesetztes auf. So müssen Stellenausschreibungen ebenfalls so formuliert werden, dass frei jeder Einschränkung sind, die die oben aufgeführten Punkte betreffen.
Da dieses Gesetz alle Bereiche der Arbeitswelt betreffen, betrifft es auch die Antwort auf unsere Bewerbung. Um also keinen Stress mit klagefreudigen Bewerbern zu bekommen, wird statt einer aussagekräftigen Absage der Standardtext “Die ausgeschriebene Stelle ist bereits vergeben” rausgeschickt. Dieser Text sagt aus, dass man die Stelle nicht bekommt und er bietet keine Angriffsfläche für das Gesetz. Somit sind die Arbeitgeber aus der Affäre raus.
Was bedeutet das jedoch für die Leute die sich bewerben? Es bedeutet, dass Bewerber von keinem Betrieb auf Anhieb eine ehrliche Antwort bekommen werden. Kein Betrieb wird mehr so Kulant sein und einen Hinweis auf den doofen Flüchtigkeitsfehler im Anschreiben geben oder ähnliches. Mit diesem Gesetz haben wir es geschafft, dass alle Leute gleich behandelt werden. Im gleichen Zug haben wir es aber auch geschafft, dass niemand mehr ehrlich behandelt wird.
Es gibt zwei Möglichkeiten der Kommunikation, die sich gegenseitig ausschließen. Man kann Höflich miteinander umgehen, oder man kann Ehrlich mit einander umgehen. Deutschland hat sich für die Höflichkeit entschieden.
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November 6th, 2007 at 23:28
Juhuuu! Gleichbehandlung = Kommunismus!