Wunderbares ÖPNV

Ja, manchmal kann man nicht mit dem Auto los. Auch tut es aufgrund der Strecke das Fahrrad nicht. Also heisst es mal wieder in den sauren Apfel beißen und Bus und Bahn fahren.

Es beginnt an der Haltestelle: Warten. Das Warten auf den Bus hat sich zu einer eigenen Subkultur entwickelt. Professionelles aneinander Vorbeischauen und Zwangstolleranz machen sich breit. In den nächsten Minuten wird Herkunft, Geschmack und Ruhe ein für alle mal erwürgt. Der Punk mit seiner muffigen Hose sitzt auf der Bank im versudelten Haltestellenhaus. Neben ihm die Rentnerin, die unaufhörlich an ihrem Rock zupft. Warum der Anzugträger auf den Bus wartet? Wieso nimmt er kein Taxi? Warum hat er keinen Dienstwagen? Oder hat er sich zum Mittagessen abgesetzt um etwas mehr von der Stadt zu sehen? Der Bus kommt. Nun beginnt die heisse Phase. Das herz schlägt. Bekomme ich einen Sitzplatz? Wen werde ich vorlassen, wer wird mich vorlassen. Nun einsteigen, die Fahrkarte vorzeigen und dann Tunnelblick. Innerhalb von Millisekunden wird der Bus gescannt. Man entscheidet sich für einen Sitzplatz oder stehen. Die Blicke analysieren. Lässt sie mich neben sich sitzen? Angstschweiss steht ihr auf der Stirn. “Soll ich die Tasche auf dem Sitz liegen lassen, oder eher runternehmen?” Aha, ich erhasche einen Platz. ganz hinten. Eine komplette Bank ist frei. Direkt hinter der Tür. Perfekt. Ich bin einer der als erster einsteigt. Schnellen schrittes gehe ich auf die Bank zu. Ja! Geschafft. ich war der Erste. Jetzt gehört die Bank zum größten Teil mir. Die anderen trauen sich eh nicht sich dazuzusetzen.

Mist! ich habe kein Buch dabei. Es gibt keinen Punkt den ich mit meinen Augen fixieren kann, kein Bischen Privatsphäre. Nun heisst es abwechselnd den Boden anzustarren, dann wiederaus dem Fenster schauen. Auf einmal wird der Bus erschüttert - dachte ich. Eine Frau steigt ein. Ihr Bauchumfang hat die Ausmaße einer Tragenden Säule. Ich schaue angestrengt aus dem Fenster. Nein! Bitte nicht. Bitte setz dich wo anders hin - zu spät. Sie setzt sich auf den Platz neben mir. Mir wird anders. Ich spüre wie die Metallstangen unter mir ächzen und nachzugeben suchen. Dank der Pendelstütze, die die konstrukteure des Busses vorgesehen hatten, bleibt die Sitzbank unversehrt. Ich spüre, wie sie ihren Leib auf den Stuhl sinken lässt. Ihre Schenkel geben der Form der Busbank nach. Nun schwimmt eine Welle aus organischem Material auf mich zu. Ich spüre ihre Oberschenkel - nein, viel schlimmer mein linkes Bein versinkt in ihrem rechten Schenkel. Mir ist unwohl. Ich bin gefangen. Gefangen in diesem Bus, auf dieser Bank in dieser Frau. In dieser Frau in der ich nie in meinem Leben hätte sein wollen. Im Bus stinkt es. Der Schweiss, die Parfums und andere Körperflüssigkeiten der vorhandenen und nicht mehr vorhandenen Reisenden schebt durch den von geschlossenen Fenstern gebildeten Raum und hinterlässt in mir einen latenten Brechreiz. Ich stelle mir für kurze Zeit vor, das der Siff, der vorher am Boden, an den Leuten, in deren Lungen klebte nun ungefragt in meine Lunge zieht. Ich fühle mich genötigt. Um den Gedanken zu entfliehen schaue ich angestrengt nach draussen. Vielleicht habe ich mein Reiseziel bald erreicht? Ich verstelle meinen Blick ich schaue angestrengt ins leere. Ich sehe die Schultern und die Köpfe der Menschen vor mir, wie sie im Wiegetakt des Busses hin und her pendeln. Der Busfahrer hat die volle Kontrolle über dieses Köpfespiel. Da endlich passiert es. Meine Mitreisende beginnt unter Stöhnen und Schnauben ihren linken Arm zu heben. Ja, sie drückt den roten Knopf. Es ertönt das befreiende Surren. Der Bus hält an und sie seht auf. Wie eine Brandung von der das Wasser abläuft, so fühlt sich jetzt mein Bein an. Ich verspühre etwas Kühles an meinem Bein. Ich bin wieder Befreit. Noch eine Haltestelle. Nur noch eine. Ich rieche die Achselhöhle des Mannes hinter mir. Ich stehe auf um dieser Tortur zu entkommen und begebe mich bereits zur Tür. Der Busfahrer öffnet die Tür und ich trete ins Freie! Vorbei! Geschafft! Ich bin angekommen! Ich wende mich noch einmal zu dem Bus zurück und kann den Reisenden, die mich jetzt beneidend und kollegial anschauen, die Sehnsucht nach diesem moment im Gesicht ablesen. Ja, ich habe es geschafft. Ich bin endlich wieder Frei!

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WŠhle Piraten!

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One Response to “Wunderbares ÖPNV”

  1. Bert Says:

    … direkt aus dem Leben gegriffen - habe mich beim Lesen köstlich amüsiert - weiter so !

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