Die Nadel zum Café
Das traurige am Alkohol ist, dass er besoffen macht. Noch trauriger ist der Umstand, das eben das ‘Besoffen sein’ die Menschen dazu bewegt diesen doch eher fiesen Grundgeschmack freiwillig zu verköstigen; als Zwiedenken kann man annehmen, dass sie den Geschmack dann noch als ‘köstlich’ oder ‘vorzüglich’ hervorheben.
Drogen sind der Motor unserer Gesellschaft, die treibende Kraft, die unsere Getriebe schmiert. Süchtig kann man auf diesem Planeten nach allem werden. Die Erwerbsgesellschat ist süchtig nach Arbeit. Man knechtet sich, man buckelt sich bei Wind und Wetter. Zu allem überfluss nutzen wir unsere Freizeit für die Steuererklärung. Am Morgen schon der Kaffee, dann sind wir süchtig nach Benzin und Energie. Jeden Tag benötigen wir Geld. Wir sind süchtig nach Geld. Dabei ist Geld nur bunt bedrucktes Papier.
Der Säugling; nach seiner Geburt beginnen bereits die ersten Süchte. Nach dem ersten Klaps auf den Hintern ertönt ein japsender Laut - zack - und da ist schon die Erste Sucht: Atmen. Ja, meine Damen und Herren. Wir sind alle - und da können Sie sich nicht rausreden - süchtig nach Sauerstoff. Ich wollte mich dieser Sucht bereits entziehen. Doch ich muss mich da schuldig bekennen - ich schaffe es einfach nicht. Ich komme vom Atmen gar nicht runter. Kollegen behaupten teils sogar ‘ ich atme gerne’. Andere beginnen mit Umweltschutz, damit der ‘Stoff’ eine bessere Qualität bekommt. Wir veranstalten ewig lange Reisen ins Gebirge, um eine andere Sorte Luft zu verköstigen. Der Sauerstoffbedingte Reisehedonismus ist ein Erwerbszweig, der sich rechnet. Diese Unfairness der Sauerstoffsucht! Wie gerne würde ich mal eben unter Wasser im Rhein spazieren gehen, den Fischen mal ‘Hallo’ sagen - Nein, geht nicht, bin dummerweise extrem süchtig nach Sauerstoff.
Und dann fängt noch der ganze Unsinn mit der Sexualität an. Nachdem wir als Säugling aus der Mama herausgeschlüpft sind, tackern wir als erstes unsere Lippen an Ihrer Brust fest. Und warum? Essen! Jamjam, happa happa! Hurra! Die nächste Sucht. Seit zig Jahren esse ich nahezu täglich. Ist es nicht grausam? Soviele Jahre, und jeden Tag Essen, Essen, Essen.
Natürlich kam das erste Essen aus Mama raus. Wie also sollte es auch anders sein, dass diese Art von Essen ab dem 16ten Lebensjahr auch an der Brust von Kathrin wohltuen möge. Wir erinnern uns: “Iiiiieh, Mädchen.” Kleine Jungs und kleine Mädchen - “IIieh er ist ein blöder Junge!”, “Iiiieh, zickiges Mädchen” - DAS sind wohl die besten Lebensjahre, die man erleben kann. Es ist der erste kulturelle und evolutive Ansatz einer ‘nicht’ Abhängigkeit. Die Nicht-Abhängigkeit unter Männern und Frauen. Aber - scheisse - wir haben verloren. Dank der Hormone wird aus dem “iiiiieh - Mädchen”, “Geil! Titten!”. Und aus dem was damals eklig war, wird jetzt das gesamte Leben des Planeten bestimmen. Kriege wurden geführt, Berge versetzt, Länder gesprengt und verseucht - nur weil wir an den Saft wollen, der uns einst eklig erschien. Absurde Welt.
Und da sehe ich gestern Nacht einen Mann auf der Treppe eines Parkhauses liegen. Neben ihm eine Spritze. 112, und los geht’s. Da war nicht mehr viel zu diskutieren. Latex-Handschuhe, Alarmfahrt an, Tropf ankleben und hoffen, dass er überlebt. Danach - ich mag kaum wagen daran zu denken, folgt der Bürokratiewahnsinn. Amtsgericht, Betreuung, Verantwortlichkeiten, wer zahlt was, wohin soll der Mann nach seiner Rehabilition, wer zahlt den kram, was machen wir mit ihm, Metadon, eine weitere Droge - auf Kosten des Hauses; danke Staat! Und da wirbelt dieser Behördenapparat. Digitale Informationen sausen um die Welt, Papiere werden verschoben, abgestempelt, Diskussionen werden geführt, Anträge geschrieben, ein Zivildienstleistender - ein auf Zwang aus seinem Leben gerissener Mensch - wird diesen Mann vielleicht begleiten müssen. Während dieser absurte Behördenapparat amok läuft, befindet sich der Heroinmensch in tiefem Schlaf und sieht vermutlich beruhigende Bilder - wie damals als er noch in der Mama war.
Aber eine Welt, die mit Süchten beginnt kann auch nur ohne Süchte Enden. Café, Zigarren, Stress, Workaholic - und am Ende Herzstillstand. Das Ende der Sucht. Kein Sauerstoff mehr. Traurig, traurig. Gestorben an der Befreiung von der Sucht - den Stoff nicht bekommen. Ende.
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